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Der erste Eindruck im Stand:
Groß! Oder zumindest deutlich größer als man von den Fotos, die man so aus unserem Forum kennt, vermuten mag. Man kennt ja die technischen Daten von VMAXns Homepage, aber wenn er dann ausgepackt und leibhaftig vor einem steht, werden einem die stattlichen Abmessung bewusst. Zumindest ging es mir so.Die Bodenfreiheit ist enorm, gefühlt 20 cm (in Ermangelung eines Messgerätes leider nur geschätzt). Damit kommt man wirklich über Stock und Stein! Etwas ungewohnt ist die daraus resultierende Standhöhe auf dem Trittbrett, aber da habe ich mich nach wenigen 100 Metern bereits gewöhnt.
Und, bemerkenswert in dieser Leistungsklasse, das Gewicht ist noch merklich unter 30kg, trotz großem Akku. Sehr löblich!
Zur Grundausstattung gehören sowohl Lenkerenden-Blinker, als auch ein Satz rückwärtige Blinker direkt am Fahrzeugheck. Alle sind richtig hell und werden auch bei prallem Sonnenschein sehr gut gesehen! Absolut vorbildlich!
Sogar ein serienmäßiges Bremslicht ist verbaut, ebenfalls schön hell und bei praller Sonne nicht zu übersehen! Es schaltet ein, bevor die Bremsbeläge greifen, somit kann man einem hinterherdrängelnden Etwas schonmal signaliseren: Uffbasse!
Auch das Fahrlicht scheint recht brauchbar zu sein, eine Nachtfahrt steht allerdings noch aus. Dann kann ich auch dazu etwas sagen... kömmt...
Der Klappmechanismus
…war für mich etwas gewöhnungsbedürftig, da ich seit Jahr und Tag den Mechanismus von Joyor gewohnt bin, der einfach in 2 Sekunden zusammenklappbar ist, aber nach etwas Übung klappt auch das wunderbar. Beim NVX-4 klappt nur die Lenksäule weg, das Fahrchassis ansich bleibt dabei unverändert, sodaß das zusammengeklappte Teil immer noch gut gerollt werden kann. Oft ist ja das Verbleiben der Lenkstange im eigeklappten Zustand eine... ähm... sag ich mal "wenig ausgereifte Angelegenheit", ständig rastet die Halterung am Heck aus und die Lenkstange lobbelt in der Gegend herum.VMAX hat hier echt ein Zeichen gesetzt! Ich finde den Einrastmechanismus am Fahrzeugheck richtig gut. Da hat sich echt mal jemand ein paar Gedanken gemacht, wie man dieses lästige Verhalten ein für allemal aus der Welt schaffen könnte. Gelungen! Kann ich nur sagen. Die eingeklappte Lenkstange hält besser als "Dreiwettertaft" (für die jüngeren unter uns: hält, egal wie arg man auch daran rumwackelt!)
Fahrwerk/Federung:
Was sofort auffällt: eine Federgabel mit ordentlich Federweg UND Einstellmöglichkeit! Und zwar nicht irgendein komisches Gefummel, sondern es sind gut zu bedienende, griffige Knaufe, um sie einfach von Hand verstellen zu können. Kein Werkzeug nötig, einfach so!Allerdings habe ich für mein Fahrergewicht von ca. 75..80 kg (je nach Füllung des Rucksacks), die Werkseinstellungen erst mal gelassen, wie sie waren und empfand sie prompt als angenehm für mich.
Soweit, so gut!
Fahrprüfung
Dann kam mir die Gesundheit dazwischen und ich war mal g’schwind 4 Wochen weg vom Fenster! So’n Sch…
Ein NVX-4 im Hotelzimmer...
Da kann er dann gleich mal zeigen, was er kann, dachte ich mir und das hat er heute. Und wie! Daher die Überschrift…
Hier gibt es pöse-pöse Steigungen, an denen sich mein Joyorlein die Zähne ausgebissen hätte und ich sie deswegen gar nicht erst ausprobiert hatte. Aber nix mit Schonwaschgang für den NVX-4! Zeig, was du kannst! War die Devise.
Ähm… und was soll ich sagen, ich habe keine Steigung gefunden, die er nicht geschafft hätte! Gleich am Hotel gibt es eine Auffahrt mit gut 20% Steigung, die da:


Oben! Huch... zu schnell gefahren... 22 statt 15...

Da fährt er nicht nur hoch, er beschleunigt sogar noch stur rauf bis auf seine 22km/h, auch im ECO-Mode ohne Murren. Das hat mir schonmal ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert. Nun war ich angefixt! Waren mir doch manche bösen Steigungen vom letzten Jahr noch in guter Erinnerung… Ja dann, auf sie mit Gebrüll!
Blöderweise hatte ich nicht mehr viel Akkurestlaufzeit in der Kamera, sodaß mir noch vor den eigentlichen Testaufnahmen der Akku aufgab. Ich bin zwar gefahren, aber konnte es leider nicht mehr dokumentieren. Also morgen nochmal…
Einstweilen ein paar Fotos aus der Sonne, damit ihr mir im trüben Deutschland nicht vergesst, wie schönes Wetter aussieht!

Am Cap Martin auf dem Weg nach Menton, im Hintergrund die Skyline von Monaco
Reichweite
Die erste Fahrt waren nur 20 km, einfach mal zum Antesten, um eine erste Reichweitenabschätzung zu machen. Im Forum wurde ja die Reichweite immer wieder mal als zu gering hingestellt. Eine Hochrechnung dieser ersten Fahrt auf den ganzen Akku ergab dann einen Wert deutlich jenseits der 60 km. Und das unter den verschärften Monaco-Bedingungen!So bin ich heute frohgemut mal eben 43 km gefahren und landete eine Stunde vorm Abendessen auf 365 Höhenmetern, aber nicht in einem Rutsch, sondern nach zwei Taldurchfahrten, in Summe also irgendwas um die 700..800 Höhenmeter. Im Hotel angekommen, verkündete die Ladeanzeige noch verbleibende 44%, knapp über die Hälfte rausgelutscht, geht doch. Spitz auf Knopf mache ich den Test bestimmt nicht, schon gar nicht fernab vertrauter Gefilde! Aber die Kritik an der Reichweite für so ein Leistungsmonster kann ich definitiv NICHT nachvollziehen!

Bis hierhin und nicht weiter! Aber nicht wegen Akku oder so, sondern in einer Stunde gibts Abendessen. Jetzt aber husch-husch zurück!
Zu so einer Angabe gehört natürlich auch, daß die gesamte Strecke durchweg im ECO-Mode gefahren wurde, und daß die Zuladung so um die 75..77kg betrug. Die 22 km/h wurden dennoch nie unterschritten. Gefahren bin ich mit meiner Standard-Luftdruckbefüllung, vorne 2,7 bar, hinten 3,2 bar.
60 km sollten unter diesen Bedingungen jederzeit drin sein, möglicherweise auch etwas mehr. Ich meine echte 60 km, keine Marketing-Kilometer.

63 km - 20 km = 43 km
Den Sport-Mode benötigt man eigtl. auch nur in extremen Situationen. Dann hat er richtig Bumms und verlangt nach Gefühl am Gas-Daumen! So passierte es mir, daß ich unversehens mal gut 5m weit mit dem Vorderrad in der Luft davongeprescht bin.
Apropos Daumengas: meine erste Reaktion war ja, Ohgoddogott, Daumengas, mag ich ja gar nicht! Aber während mir bei bisherigen Daumengasen spätestens nach 3 km der Daumen eingeschlafen ist und ein Weiterfahren nur noch unter Qualen möglich war, verhielt sich das bei diesem ganz anders. Auch nach den 43 km am Stück hatte ich keinerlei Beschwerden, irgendwas muss an diesem DG besser sein als an den bisher ausprobierten.
Ach übrigens: als ich „oben“ angekommen war, war das Motorgehäuse gerademal handwarm (bei 22° Umgebungstemperatur), also völlig unbeeindruckt.
Verarbeitung
Wertig und sehr aufgeräumt kommt der NVX-4 daher! Das fällt einem gleich nach dem Zusammenbauen auf. Während viele Modelle am Markt mit ausladendem Kabelwirrwarr aufwarten, ist die gesamte Kabelführung am NVX-4 nicht zu sehen, weil innenliegend. Einzig die Brems-Bowdenzüge sieht man in einer kurzen Schlaufe dezent in der Lenksäule verschwinden. Das war’s.Zwei Poser:

Handling/Fahrwerk
Sehr gut! Nicht wackelig, dennoch wendig, trotz großen Nachlaufs und gute Stabilität auch bei höheren Geschwindigkeiten. In diesen Gefilden hier erreicht man bergab schnell mal 45..50 km/h, aber ich fühlte mich jederzeit sicher dabei, staunte sogar als ich auf den Tacho blickte, huch, doch schon so schnell?!Auch einhändig fahren ist überhaupt kein Problem, ein mulmiges Gefühl, den Lenker mal einhändig loszulassen kommt zu keiner Zeit auf.
Die Federung trägt ihren Teil dazu bei. Die Abstimmung finde ich wirklich gelungen und Fahrbahnunebenheiten, vor allem die feinen Stöße, die Gelenke und Hände auf Dauer stark belasten, werden sehr gut weggeschluckt. Eine Fahrt über Kopfsteinpflaster wird dadurch natürlich auch nicht zu einer Wonne, aber definitiv erträglich!
Verflixt! Wo geht´s denn hier zum Strand??

Bremsen
Vorne: Trommel, hinten: Scheibe. Kurzgesagt: ausreichend. Allerdings: dieses Fahrzeug verfügt über Fahrleistungen, die es absolut als Bergziege qualifizieren und Fahrten im Gebirge verlangen nach unbeeindruckbaren Bremsen. Hier hätte ich mir hydraulische anstatt Seilzugbremsen gewünscht, diese sind einfach präziser! Auch habe ich ein bisschen Malör mit der Scheibenbremse hinten, die Scheibe ist nicht 100%ig plan, wie so oft in dieser Fahrzeugklasse, und verursacht ein Radumdrehungs-synchrones Schleifgeräusch. Nicht schlimm, beim Bremsen merkt man nichts davon, aber unschön. Leider liegt mein Bremsscheiben-Richtwerkzeug daheim, also muss das so lange warten, bis ich aus dem Urlaub zurück bin. Schlimm? Nö!Die Trommel vorne fand ich zunächst nicht so prickelnd – allerdings ohne sie ausprobiert zu haben. Im Fahrbetrieb jedoch arbeitet sie völlig zureichend und mehr Bremsleistung am Vorderrad führe ohnehin nur zu einem Abflug über den Lenker. Und ja, eine hydraulische Bremse wäre natürlich auch hier präziser.
Lob
- Power ohne Ende und trotzdem deutlich unter 30 kg
- Dennoch sehr gute Reichweite
- Fahrwerk mit reichlich Federweg
- Einstellbare Federung (vorne)
- Fahrverhalten/Handling
- Ausgezeichnete Blinker
- Bremslicht
- Wertige Verarbeitung
- Kein Kabelwirrwarr
- Sicher einrastender Klappmechanismus
- Bedienelemente auch mit dicken Winterhandschuhen gut zu bedienen
Kritik:
Puh…! Da muss ich jetzt echt eine Weile überlegen… Hmm… Ok, den Seitenständer könnte man als Understatement bezeichnen, dessen Ausführung etwas in Kontrast zur sonstigen Erscheinung steht, das fällt bei mir aber schon unter jammern auf hohem Niveau. Er erfüllt seinen Zweck tadellos, zumindest auf festem Untergrund steht der Roller absolut sicher!Achja, für das Häkchen am Heckbürzel des Einrastmechanismus benötigt man etwas spitze Finger, um es zurück in seine Ruhestellung zu bringen.
Der Blinkerschalter, ausgeführt als Schaltwippe, dürfte für meinen Geschmack etwas leichter in die Neutralposition zurückschnappen, aber das ist Gewöhnungssache. Viel wichtiger finde ich, daß man nicht zwei völlig unintuitiv übereinanderliegende Tasten genommen hat!
Beim Überfahren eines kurzen, scharfen Hubbels (hier gibt es viele dieser komischen „Bremshubbel“, die ein Auto dazu nötigen, Schrittgeschwindigkeit zu fahren, 4..5 cm hoch und ca. 15 cm lang. Wenn man da „volles Brot“ drüber ballert, regelt der Controller mal für den Bruchteil einer Sekunde zurück, ein klein wenig nur, kommt danach aber sofort wieder, jedenfalls im ECO-Mode. Im Sport-Mode scheint ihn das nicht zu interessieren)
Fazit (vorläufiges)
Der NVX-4 ist ein echter Wolf im Schafspelz! Schlichte, unspektakuläre Erscheinung, aber umso spektakulärere Fahrleistungen! Wer genauer hinschaut, entdeckt viel Liebe zum Detail, unauffällig, einfach gut gelöst! Ein eScooter, bei dem sehr, sehr viel richtig gemacht wurde und vor allem, bei dem offenbar auf Wünsche der Kundschaft eingegangen wurde!Das einzige, was mir fehlt, ist ein Lenkerenden-Rückspiegel, den werde ich noch nachrüsten. Ansonsten verspüre ich nicht den Drang, an dem Roller irgendetwas ändern zu wollen.
Ich bin ja mit der Gleitschirmfliegertruppe hier und da kam schon ein paarmal die Frage, was ich denn als eScooterista so empfehlen könne, um vom Landeplatz schnell und unkompliziert wieder hoch an den Startplatz zu kommen (diese sind zumeist ziemlich steil zugänglich) und nicht so viel Platz im Auto fräße. Tja, zwei von denen sind von der Performance des NVX-4 völlig begeistert (vor allem der eine, der dachte mit einem 0815-Modell dieser Idee nachkommen zu können… „Da, probier mal den aus“ und habe ihm den NVX-4 in die Hand gedrückt. Mit einem breiten Grinsen kam der zurück…
Ich werde weiterhin von meinen Erfahrungen mit dem Neuen berichten, da ist bestimmt noch nicht alles gesagt. Aber eins ist jetzt schon sicher: den würde ich mir jederzeit wieder zulegen!
Noch ein paar Bilder aus dem sonnigen Süden:
Blick auf Menton:

Am Yachthafen

Jean Cocteau Museum
